
Der Tokajer Wein, der in einem für diesen Anlass gefertigten Fass übergeben wurde, ist ein symbolisches, mit der Geschichte und auch mit der gemeinsamen Vergangenheit tausendfach verbundenes Element der Übergabe der Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Die fünf wichtigen Stationen der Reihe des würdigen Ereignisses waren die Anfertigung, das Füllen, der Start, das Transportieren und die Übergabe der Fässer. Allesamt Gesten und Anlässe zur Verstärkung der historischen Freundschaft, des Zusammenhalts.
Die Anfertigung der Fässer (Salánk, Salanki, Шаланки)
Im Geiste der Idee der Östlichen Partnerschaft wurden die Fässer in der Ukraine, in einem namhaften Dorf in Transkarpatien, in Salanki (ungarisch: Salánk, ukrainisch: Шаланки) gefertigt. Böttchermeister Sándor Sipos fertigte das Fass aus Jahrhunderte altem Eichenholz, wobei er die gespaltenen Dauben mit Handwerkzeugen bearbeitete und sie mit Fassreifen aus schwarzem Stahl miteinander verband. Elek Pólin, ein Holzschnitzmeister im Ort, verzierte die Fässer mit den Wappen von Ungarn, Polen und der Ukraine.

Die von Ungarn bewohnte Gemeinde Salánk in Transkarpatien ist eine historische Siedlung, am 21. Februar 1711 brach Gespan Ferenc II. Rákóczi gerade von hier aus auf, als er nach dem verlorenen Freiheitskampf Ungarn in Richtung Polen verließ. Der Gespan verbrachte, von der besonderen Aufmerksamkeit und Ehrerbietung des polnischen Adels umgeben, nahezu zwei Jahre in der Stadt Gdańsk (Danzig), wo auch der Ministerpräsident von Polen, Donald Tusk, das Licht der Welt erblickte.

Beim polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk kam ein 100 Liter-Fass an, das auf der einen Seite mit dem ungarischen Wappen, auf der anderen Seite mit dem polnischen Wappen verziert war. Für die am 1. Juli 2011 erfolgte symbolische Übergabe wurde auch ein 10 Liter-Fass im Kleinformat angefertigt. Auch der ukrainische Präsident Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch erhielt ein 50 Liter beinhaltendes Fass. Auf der einen Seite des sehr schön gearbeiteten, mit Tokajer Wein gefüllten Fasses sind das ungarische und das ukrainische Wappen, auf der anderen Seite das polnische und das ukrainische Wappen zu sehen.

Es wurde auch ein 70 Liter-Fass angefertigt, dessen eine Seite das Logo der ungarischen Ratspräsidentschaft und dessen andere Seite das ungarische Wappen ziert. Dieses Fass gelangt später in die Sammlung der Ratspräsidentschaft der Europäischen Union im Ungarischen Nationalmuseum.
Das Füllen der Fässer (Tolcsva)
Die in Salánk angefertigten, fein bearbeiteten Eichenholzfässer wurden am 24. Juni 2011 mit einem trockenen Wein, mit Tokajer Szamorodni des Jahrgangs 2002 des Tokajer Händlerhauses gefüllt. Die Trauben, aus dem dieser Wein gekeltert wurde, sind genau in dem Jahr gelesen worden, als Tokaj-Hegyalja zum Bestandteil des Welterbes erklärt wurde (2002).

Der Szamorodni ist ein allbekanntes Symbol der polnisch-ungarischen Beziehungen, schließlich stammt gerade die Bezeichnung des seit Jahrhunderten beliebten Szamorodni aus dem Polnischen (sam się rodzi, samorodny) und bedeutet: „ebenso wie er gewachsen ist“. Laut der einheimischen Auffassung weist der Ausdruck szamorodni darauf hin, dass dieser Wein durch die gemeinsam erfolgte Verarbeitung der unversehrten und der von Bothrytis befallenen Weinbeeren hergestellt wird. Der trockene oder süße Charakter des Weins wird am meisten durch den Anteil der eingetrockneten Aszú-Weinbeeren (Spätlese) bestimmt.
Im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, in der Zeit von König Matthias Corvinus erlebte der Handel mit dem damals noch als unbekannt geltenden Tokajer Wein einen Aufschwung. Die Hauptrolle bei der Belebung des Handels spielten die freien Königsstädte der Region (Kassa – heute Kosice, Lőcse – heute Levoča, Bártfa – heute Bardejov, Kisszeben – heute Sabinov). Die Bewohner dieser Städte begannen Weinberge zu kaufen, unter anderem auch in Tállya, Liszka, Tolcsva und in Tokaj. Ein wesentliches und glückliches Element des 16. Jahrhunderts aus dem Gesichtspunkt von Tokaj-Hegyalja bestand darin, dass das goldene Zeitalter Polens in diesen Zeitraum fiel. Das Glück der Polen ist auch das Glück von Tokaj-Hegyalja geworden. Der Kreis der Wein beanspruchenden polnischen gesellschaftlichen Schichten erweiterte sich und damit vergrößerten sich die potentiellen Marktmöglichkeiten von Tokaj-Hegyalja. Nach den dem Geschmack der polnischen Käufer entsprechenden Weinen entwickelte sich eine große Nachfrage. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts nahm der Handel mit Tokajer Weinen dank der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen von Ferenc II. Rákóczi noch mehr zu.
Der Tokajer Wein gelangte auf den Tisch am Hofe des schwedischen Königs Karl XII., Friedrich August von Sachsens und König von Polens (August der Starke), Friedrich I. in Preußens, und auch des französischen Königs Ludwig XIV., der die Gastronomie auf das Niveau seiner monarchistischen Bestrebungen und der neuzeitlichen Diplomatie erhob. Den Aufzeichnungen zufolge hat der Sonnenkönig, Ludwig XIV., über den Tokajer Wein gesagt, er sei „der König der Weine, der Wein der Könige“ („C’est le roi des vins et le vin des rois.”). Der hoch bewertete Tokajer Wein wurde das beliebte Getränk von Herrschern und Künstlern wie Zar Peter I. der Große, Zarin Katharina die Große, Friedrich II., Voltaire, Johann Wolfgang von Goethe und Franz Schubert.

Der Tokajer Szamorodni des Jahrgangs 2002 des Tokajer Händlerhauses wurde durch die gemeinsame Verarbeitung von unversehrten und spät gelesenen Aszú-Beeren der Rebsorten Furmint und Lindenblatt hergestellt. Seinen Charakter erlangte er durch einen Reifeprozess in Eichenholzfässern. Ein heller goldgelber, voluminöser Wein mit Bothrytisaroma und dem Aroma der Reifung in Holzfässern. Sein voller, lang ausklingender Geschmack vereint sich mit ausgeglichenen Säuren. Alkoholgehalt: 12,5 Volumenprozent. Restzuckergehalt: 3g/l., Säuregehalt: 6,2g/l.
Der Start der Fässer (Sárospatak)
Die mit trockenem Tokajer Szamorodni gefüllten Fässer traten am 26. Juni 2011 mit der Abfahrt in Sárospatak, vom Hof der Rákóczi-Burg aus ihre Reise in Richtung Warschau an. Der die Fässer transportierende und geschmückte Wagen wurde von Husaren geführt. Die Fracht wurde mit den Siegeln von Sárospatak und des Tokajer Händlerhauses versehen. Die Fässer wurden von Richárd Hörcsik, Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Europaangelegenheiten, und von Helga Gál, Sommelière der Ratspräsidentschaft, begleitet. Bei der Abfahrt war in Vertretung des Oblast Transkarpatien László Brenzovics, Vizepräsident des Transkarpatischen Ungarischen Kulturverbandes zugegen.

Der Transport der Fässer (Sárospatak - Warschau)
Die Fässer gelangten auf einer Grenzen überschreitenden, mehrere historische Weinregionen tangierenden, sorgfältig geplanten Transportroute in die zwei Hauptstädte, nach Warschau und nach Kiew. Eine der wichtigen Stationen des nach Warschau transportierten Weins war am 28. Juni 2011 die Burg von Ungvár (Ushgorod, Ужгород), eines der berühmtesten Denkmäler von Transkarpatien; Ferenc II. Rákóczi hatte hier bis 1711 auch mehrmals aus Polen und anderswo eintreffende Gesandte empfangen.
In Transkarpatien führt die Strecke der Fässer mit der Endstation Warschau auch an Szerednye (Swederniko, Середнє) vorbei. Die Siedlung war bereits im 15. Jahrhundert ein Weinbaugebiet. Der berühmte Kapitän der Burg von Eger, István Dobó ist hier verstorben (1572). Nach der Familie Dobó ging der Besitz auf die Familie Rákóczi über.
Die Fässer wurden hier, in Transkarpatien, mit den Siegeln des ungarischen und des polnischen Konsulats sowie des Oblast Transkarpatien und mit Bändern in den polnischen, ungarischen und ukrainischen Farben versehen. Die wertvolle Fracht fuhr in Richtung des Uschok-Passes los, durchquerte das Tal des Flusses Ung, verließ das Territorium der Ukraine am ersten polnisch-ukrainischen Grenzübergang, erreichte polnischen Boden und traf schließlich am 30. Juni in der polnischen Hauptstadt, in Warschau ein.
Die Übergabe der Fässer (Warschau)
Am Freitag, dem 1. Juli 2011 übergab Ministerpräsident Viktor Orbán auf der offiziellen Pressekonferenz zur Übergabe der Ratspräsidentschaft der Europäischen Union das 10 Liter-Fass an den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk.
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Das größere, 1 Hektoliter beinhaltende Fass wurde in Warschau auf der in Organisation des polnischen Kulturministeriums, der Stadtverwaltung von Warschau sowie des für die polnischen kulturellen Veranstaltungen der Europäischen Union verantwortlichen Nationalen Audiovisuellen Institut aufgestellten Bühne, vor dem Konzert der Band Téka übergeben. Auf der Bühne der Veranstaltung übergab Richárd Hörcsik das Fass an den für Europaangelegenheiten zuständigen, den Rang eines Ministers bekleidenden Chefberater des polnischen Ministerialamtes, Professor Roman Kuźniar. Neben der Bühne waren auch Zelte aufgestellt worden, die verschiedene nationale Küchen und ihre Spezialitäten vorstellten, und in einem der Zelte konnte auch die Warschauer Vertretung der geschlossenen Ungarischen Tourismus AG Quartier beziehen.
Die Übergabe des Weins besaß symbolischen Wert, sie spiegelt getreu die zwischen den beiden Staaten bestehenden, traditionell engen zwischenstaatlichen, historischen und kulturellen Beziehungen wider, und weist auch auf die die Freundschaft zwischen den beiden Völkern zum Ausdruck bringenden Sprichwörter hin. Das vielleicht berühmteste dieser lautet so:
„Pole-Ungar, zwei Brüderlein. Gemeinsam im Kampf und beim Trinken von Wein. Tapfer und mutig sind die zwei. Gott segne sie beide.”
Sándor Csíki