„Jetzt habe ich mich bereits beruhigt,“ sagte Béla Marton, ungarischer Botschafter in Tripoli, auf die Frage nach seinem Wohlbefinden. Nach achtundvierzig Stunden ohne Schlaf hatte er sich endlich ein wenig ausruhen können, nachdem es am 19. Mai gelungen war, die vier Journalisten, die am Vortag aus der libyschen Gefangenschaft freigekommen waren, in Richtung Grenze zu bringen. Anschließend musste er natürlich noch der Presse zur Verfügung stehen; schließlich waren alle neugierig, wie er die Journalisten aus der mehrtägigen Gefangenschaft befreien konnte.
Einer von ihnen sei dreißig Tage lang in Gefangenschaft gewesen, die anderen hätten die „Gastfreundschaft“ der libyschen Behörden vierundsechzig Tage lang genossen, berichtete der Botschafter und fügte hinzu, dass sie das Territorium des Landes unüberlegt, ohne Visum betreten hätten. Sie hatten nicht einmal die Genehmigung, als Journalisten tätig zu sein. Letztendlich war es in langwierigen Verhandlungen, in einer ausdauernden Arbeit gelungen, ihre Freilassung zu erreichen. Sie hatten sich bis zu ihrer Abreise in der ungarischen Botschaft aufgehalten. Von dort aus brachen sie mit Hilfe des ersten Mitarbeiters und Konsuls László Galli mit dem Auto in Richtung libysch-tunesische Grenze auf.
„Dies war in den vergangenen Monaten nicht der erste Fall, in dem wir ausländischen Staatsangehörigen in Problemsituationen helfen mussten,“ sagte Béla Marton. In Tripoli sind von den Mitgliedsstaatender EU nur der ungarische und der zypriotische Botschafter vor Ort geblieben, die spanische Botschaft ist durch einen Gesandten vertreten. „Unsere Diplomaten werden so gut wie täglich von Hilfesuchenden aufgesucht, die das afrikanische Land verlassen wollen. Entweder es ist aber ihr Reisepass abgelaufen oder sie finden diesen nicht. Ein häufiges Problem ist auch, dass die aus Mischehen geborenen Kinder nicht den europäischen Rechtsvorschriften entsprechend im Personenstandsregister eingetragen worden sind. Wir finden aber immer eine Lösung,“ erklärt der Botschafter, wobei er hinzufügt, dass in solchen Fällen Konsul László Galli alle Steine ins Rollen bringt, um helfen zu können. Auch zu den Außenministerien der übrigen Mitgliedsstaaten der EU pflegt die ungarische Botschaft ausgezeichnete Kontakte. Vor Kurzem war es gelungen, einem britischen Staatsangehörigen zu den entsprechenden Reisedokumenten zu verhelfen.
Auf die Frage nach dem alltäglichen Leben sagte Béla Marton, dass auch weiterhin in der Hauptstadt geschossen würde. Zum Großteil handelt es sich um Gefechte zwischen den bewaffneten Räuberbanden und den Ordnungskräften. Es gibt Wasser und Strom, Grundnahrungsmittel stehen ebenfalls zur Verfügung. Gelegentlich gehen Marton oder sein Kollege einkaufen, wobei sie immer nur tagsüber auf die Straße gehen. Über die Arbeitseinteilung innerhalb der Botschaft verriet er, dass sein Kollege, der Konsul, koche, er erledige den Abwasch. Sie sind aus Sicherheitsgründen in die Botschaft gezogen, vier libysche Angestellte helfen ihnen bei der Arbeit. Die libyschen Behörden sorgen für den Schutz des Gebäudes.
Mit den libyschen Behörden stehen sie sowohl telefonisch als auch persönlich täglich in Verbindung. Als Vertreter der EU muss Marton oft das Außenministerium aufsuchen. In Anbetracht der Lage hält er nunmehr nur noch wöchentlich eine Besprechung der EU-Missionsleiter ab, die er zu einer „europäischen Besprechung“ erweitert hat, da er regelmäßig auch den russischen, den ukrainischen und den weißrussischen Botschafter sowie den bosnischen Gesandten dazu einlädt. Der Botschafter fügte hinzu, dass er seinem chinesischen Kollegen empfohlen habe, für die asiatischen Missionsleiter regionale Besprechungen zu organisieren, da man bei dieser Gelegenheit eine gemeinsame Strategie ausarbeiten und Abstimmungen treffen kann.
„Uns spornt das Bewusstsein an, dass wir gebraucht werden,“ fügt Béla Marton hinzu. „Wir versehen auch eine Art Seelsorgedienst. Es gibt Menschen, die uns fast täglich anrufen, weil es sie beruhigt, wenn sie mit uns sprechen können, wenn wir sie anhören. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir anderen helfen. Es kommt uns nicht in den Sinn, nach Hause zu reisen. Wie auch Herr Minister János Martonyi sagte: Wir bleiben hier, solange wir gebraucht werden“.
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